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Viel Sport und Bewegung an der See

Datum:
Veröffentlicht: 1.9.14

„Kennst Du mich noch vom letzten Jahr?“ Mit dieser Frage kommt Tim auf uns zugesprungen, als wir das „Fünf-Städte-Heim“ besuchen. Die Kindererholungen der Caritas animieren ganz offensichtlich dazu wiederzukommen. „Weil es letztes Jahr sehr schön war“, antworten viele Kids auf die Frage, warum sie an diesen Ferienaufenthalten teilnehmen. Von den 137 Kindern und Jugendlichen, die im vergangenen Sommer insgesamt mitfuhren, sind deutlich mehr als die Hälfte „Wiederholer“: Für 58 war es das zweite Mal, 18 waren sogar schon öfter dabei und 6 hatten schon Erholungen anderer Anbieter besucht.

Peter Pohl, beim Diözesan-Caritasverband Referent für Kindererholung, weiß, warum die Aufenthalte so beliebt sind: „Es gibt Kinder, die haben noch nie das Meer gesehen, noch nie einen Drachen steigen lassen, sind noch nie mit dem Schiff gefahren.“ Und die Ziele sind attraktiv: Das „Fünf-Städte-Heim“ liegt kurz vor Hörnum, der Südspitze Sylts. Eine andere Kindererholung führte nach Zinnowitz auf der Insel Usedom. Nord- und Ostsee sind bei den – in der Regel vier – Maßnahmen jedes Jahr dabei.

Die zwei Wochen Kindererholung sind angefüllt mit Aktivitäten: Eine Wattwanderung, eine Inselrundfahrt und eine Schifffahrt zu den Seehundbänken konnten die Kinder auf Sylt erleben. Auf Usedom gab es eine Stippvisite ins nahe Polen und einen Besuch der Störtebeker-Festspiele auf Rügen.

Dazu kommt jede Menge Sport: Volley- und Völkerball, Radtouren, Schwimmen, Aerobic, Kegeln, Tanzen, Wandern, Jonglieren und Balancieren. „Die Kinder brauchen ein Programm“, betont Simon Klenke, der die Kindererholung auf Sylt leitete. „Sonst langweilen sie sich, weil sie mit sich selbst nichts anzufangen wissen. Oder sie wissen zwar, was sie gern tun würden, können es aber nicht organisieren.“ Vor allem die Buben müssten Gelegenheit haben, sich auszutoben. „Die wollen zwar immer chillen, treiben dann aber nur Unfug“, erzählt der Pädagoge, der hauptberuflich als Lehrer arbeitet und sich als Erholungsleiter in den Sommerferien etwas dazu verdient.

Fatal kann es werden, wenn das Wetter den Aufenthalt im Freien nicht zulässt. „Wir hatten schon Kindererholungen, bei denen es ständig geregnet hat“, erzählt Peter Pohl. Eine solche Phase kündigt sich am zweiten Tag unseres Besuchs an. Am Morgen treibt Sturm wolkenbruchmäßigen Dauerregen gegen das Haus. Die Einheimischen sprechen zwar nur von „steifer Brise“, aber die Aktivitäten müssen in die Innenräume verlegt werden. Betreuerin Eva ist froh, dass das Bemalen von T-Shirts und Plakaten gut ankommt: „Wenn den Jungen Basteln gefällt, dann war es wirklich gut.“

Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass die Erholungen für Kinder und Jugendliche gedacht sind, die gesundheitliche Probleme haben. Aufmerksamkeitsdefizite (ADHS und ADS) sind eine häufige Diagnose. Bei 40 Kindern stand sie 2014 im Vordergrund (denn viele haben mehrere Beschwerden, die Statistik erfasst für jeden Teilnehmer aber nur eine Krankheit). Diese unruhigen Kinder zu beschäftigen, ist keine leichte Aufgabe. Andere dagegen müssen aktiviert werden, weil sie sich sonst nicht viel bewegen. Adipöse, also deutlich übergewichtige Jugendliche sind bei den Erholungsmaßnahmen stets mit dabei.

Die Beliebtheit der Kindererholungen hängt freilich auch damit zusammen, dass viele der Eltern, die ihre Kinder zu den Aufenthalten mitgeben, sich eine Ferienreise nicht leisten können. Bei den Kindererholungen 2014 waren 65 % für ihren Lebensunterhalt auf staatliche Unterstützung angewiesen, genau die Hälfte auf Arbeitslosengeld II, vulgo Hartz IV genannt. Schwierige Familienkonstellationen verschärfen oft die Verhältnisse. 95 der letztjährigen Teilnehmer leben nur mit einem Elternteil zusammen, sei es dass dieser nun ledig, geschieden, getrennt lebend oder verwitwet ist. Alleinerziehende aber sind – wie uns jede Statistik sagt – in besonderem Maße armutsgefährdet. Nachteilig für die finanzielle Situation einer Familie wirkt sich auch die Zahl der Kinder aus. Aus Familien mit mindestens drei Kindern kamen 2014 81 der Mädchen und Jungen, knappe 60 %. Wenigstens zu viert Geschwistern – der klassischen Definition von Kinderreichtum – sind 41.

Die Einkommensverhältnisse der Eltern bedingen, dass der Caritasverband für die Erzdiözese die Kindererholungen zu einem guten Teil aus eigenen Mitteln finanzieren muss. Ein Viertel der Gesamtkosten von rund 100.000 Euro übernimmt er als Veranstalter jedes Jahr selbst. Weitere Anteile kommen von den Kreis-Caritasverbänden – sie vermitteln die Kinder in die Erholungsmaßnahmen – und von einzelnen Pfarreien. „Ohne Spenden“, so Peter Pohl, „könnten wir auch die Kindererholungen im kommenden Sommer nicht durchführen.“